Wahlabend in Mecklenburg-Vorpommern: Woran man belastbare Zahlen erkennt
Was morgen Abend in Mecklenburg-Vorpommern auf uns zukommt – und woran man belastbare Zahlen erkennt
Ab 18 Uhr kommen Prognosen, dann Hochrechnungen, erst in der Nacht das vorläufige Ergebnis. Wer die Unterschiede kennt und weiß, welche gefälschten Meldungen schon kursieren, lässt sich am Wahlabend nicht so leicht verunsichern.
Fundstück
Prebunking-Beitrag vor der Landtagswahl am 20. September 2026. Nächstliegender Einzelfall ist ein Video im Design des MDR. Es behauptet, Familien von Gefangenen in MV würden für eine SPD-Wahl kürzere Haftstrafen und Arbeitsplätze versprochen, und wurde am 9. und 10. September 2026 auf X verbreitet. Absender, Permalink und Archivlink werden bewusst nicht wiedergegeben – jeder Faktencheck macht eine solche Fälschung auch bekannter, und darauf setzen die Urheber. Mimikama verfährt aus diesem Grund ebenso.
🟢 Belege
Wahlrecht und Ablauf. Gewählt werden mindestens 71 Abgeordnete, 36 davon direkt in den Wahlkreisen, die übrigen über Landeslisten. Zweitstimmen zählen nur für Parteien, die mindestens fünf Prozent der gültigen Zweitstimmen erreichen. Die Wahllokale sind von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Am selben Tag wird auch in Berlin gewählt.
Briefwahl. Wahlbriefe müssen spätestens am Wahlsonntag um 18 Uhr bei der zuständigen Gemeindewahlbehörde eingegangen sein; eine Sonderzustellung am Sonntag gibt es nicht. Wer Briefwahl beantragt hat, kann trotzdem im Wahllokal wählen: gegen Abgabe des Wahlscheins in jedem Wahllokal des Wahlkreises. Einen fertigen Wahlbrief nimmt ein gewöhnliches Wahllokal in der Regel nicht an; er gehört an die Stelle, die auf dem Umschlag steht.
Schutz gegen Doppelstimmen. Wer glaubhaft macht, dass beantragte Unterlagen nicht angekommen sind, konnte bis zum Vortag der Wahl um 12 Uhr neue erhalten. Tauchen die alten danach doch noch auf, sind sie ungültig; eine doppelte Stimmabgabe ist ausgeschlossen – so die Landeswahlleitung unter Verweis auf § 21 Abs. 2 LKWO M-V.
Ausgangslage 2021. Laut Landeswahlleitung gab es 1.312.471 Wahlberechtigte bei 70,8 Prozent Wahlbeteiligung; SPD 39,6, AfD 16,7, CDU 13,3, Linke 9,9, Grüne 6,3, FDP 5,8 Prozent. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate hatte der Landtag nach der Wahl 2021 laut eigenem Handbuch 79 statt 71 Mitglieder, darunter 8 Überhang- und Ausgleichsmandate. Das Beschlussprotokoll des Landtags zur Wahl der Ministerpräsidentin am 15. November 2021 verzeichnet entsprechend 79 abgegebene Stimmen. Für 2026 nennt Infratest dimap rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte.
Umfragen – Institut, Zeitraum, Fallzahl.
Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF: 1.395 Befragte vom 14. bis 17. September 2026, telefonisch und online. Ergebnis: SPD 37 Prozent (plus 3), AfD 36 (minus 1), CDU 6, Linke 9, Grüne 5, BSW 4. Der Fehlerbereich liegt bei einem Anteilswert von 40 Prozent bei gut plus/minus drei Punkten.
Infratest dimap für die ARD: 1.556 Befragte vom 7. bis 9. September 2026, zufallsbasiert telefonisch und online; AfD 38, SPD 33, Linke 9, CDU 7, Grüne 5, BSW 4 Prozent. Die Schwankungsbreite liegt bei 3 Prozentpunkten für einen Anteilswert von 50 Prozent. Infratest weist selbst darauf hin, dass danach noch Bewegungen möglich sind und Rückschlüsse auf den Wahlausgang nur begrenzt taugen.
Forsa für die Ostsee-Zeitung: veröffentlicht am 2. September 2026, befragt vom 21. bis 27. August 2026, 1.047 Wahlberechtigte; AfD 37, SPD 28, Linke 11, CDU 10, Grüne 5, BSW 4 Prozent.
Alte Zahlen im Umlauf. Die Forsa-Werte AfD 37 und SPD 23 Prozent stammen aus dem Februar: befragt wurden 1.003 Wahlberechtigte vom 9. bis 16. Februar, veröffentlicht am 19.02.2026. Auch in aktualisierten Artikeln stehen überholte Werte: Ein t-online-Artikel mit dem Stand 19.09.2026, 14:22 Uhr, nennt noch die Politbarometer-Zahl von vergangener Woche, AfD 37 und SPD 34.
Einschätzung der Wahlleitungen. Der Landeswahlleiter Mecklenburg-Vorpommerns hält Zweifel an der Briefwahl für unbegründet; der Briefwahlanteil lag 2021 bei 34,4 Prozent. Der Berliner Landeswahlleiter Stephan Bröchler hat in derselben Woche Zweifeln an der Sicherheit der Briefwahl deutlich widersprochen.
Gefälschte Medienbeiträge zur MV-Wahl. NewsGuard hat zwölf gefälschte Nachrichtenbeiträge zur Wahl in MV gefunden, verbreitet von Konten, die der russischen Einflussoperation Matrjoschka zugerechnet werden, in der Aufmachung unter anderem von FAZ, Deutscher Welle und Welt. Die Fälschungen vom 9. und 10. September werfen SPD und CDU Betrug und Korruption vor, etwa Stimmenkauf mit Jobs oder kürzeren Haftstrafen und eine angebliche Briefwahlmanipulation der CDU in Sachsen-Anhalt, die auch in MV geplant sei. Euronews, MDR und Deutsche Welle bestätigten NewsGuard, dass die Videos mit ihren Marken gefälscht sind. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, MV, Berlin und Niedersachsen Aktivitäten zur Informationsmanipulation festgestellt, die gesellschaftliche Spannungen verschärfen und das Vertrauen in demokratische Prozesse untergraben sollen, und schreibt sie der Kampagne MATRYOSHKA zu. Betroffen sind laut BfV vor allem Politikerinnen und Politiker von Parteien, deren Positionen nicht den strategischen Interessen Russlands entsprechen.
Reichweite der Fälschungen. Auf X kamen die Beiträge auf 1,4 Millionen Aufrufe; ein Großteil davon ist laut NewsGuard vermutlich nicht echt. Das Bundesinnenministerium sieht nach Angaben von CORRECTIV fast ausschließlich eine künstliche Anfangsverbreitung, auf die keine nennenswerte Resonanz folge. Die Beiträge seien eher darauf angelegt, von Medien, Faktencheckern und Politik aufgegriffen zu werden. Julia Smirnova von CeMAS hat über 90 Beiträge der Kampagne mit zusammen mehr als elf Millionen Aufrufen ausgewertet. CeMAS hält diese Zahl für das Ergebnis künstlicher Verstärkung; nur wenige echte Menschen hätten die Beiträge gesehen oder geteilt.
Das „Schredder-Video". Ende Juli verbreitete sich auf Facebook ein Video, das angeblich Wahlbetrug zulasten der AfD zeigt, auch mit Blick auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt, MV und Berlin. Die darin gezeigten Unterlagen sind laut CORRECTIV gefälschte Briefwahlunterlagen zur Bundestagswahl 2025 im Wahlkreis Hamburg-Mitte. Die Bundeswahlleitung hatte schon 2021 festgehalten, dass es seit Einführung der Briefwahl 1957 keine Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten in einem Ausmaß gibt, das ein Wahlergebnis hätte beeinflussen können.
Vergleichsfall Sachsen-Anhalt. Pannen gab es tatsächlich: In Halle wurden 1.184 Briefwahlunterlagen doppelt gedruckt und verschickt und danach ungültig gesetzt, in Magdeburg zuvor 440 Wahlscheine – zusammen 1.624. Der Vorwurf gegen ein Seniorenheim in Dessau-Roßlau ließ sich nicht halten; die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein, Hinweise auf eine Manipulation der Briefwahl gab es nicht. Schon vor dem Wahltag behaupteten einzelne Beiträge, ein AfD-Ergebnis unter den Erwartungen sei ein Zeichen für Wahlbetrug. Nach dem vorläufigen Endergebnis kam die AfD auf 43,8 Prozent.
Der Wahlabend. Nach 18 Uhr kommen zuerst Prognosen, dann Hochrechnungen, und im Lauf des Abends gehen immer mehr tatsächlich ausgezählte Stimmen ein. Der Landtag MV veröffentlicht ab 18 Uhr erste Prognosen und später das amtliche Ergebnis. Die Auszählung ist öffentlich, jeder darf im Wahllokal zusehen. Wie Verschiebungen im Lauf des Abends gedeutet werden, zeigt Rheinland-Pfalz: Die erste Prognose sah die AfD bei 20 Prozent, im Lauf des Abends lag sie darunter – auf Facebook wurde darüber spekuliert.
🟡 Indizien
Mit der knapp gewordenen Führung in der Forschungsgruppe-Umfrage und den unterschiedlichen Werten der Institute ist die Erzählung zu erwarten, ein AfD-Ergebnis unter den Erwartungen sei manipuliert. Grundlage: dasselbe Muster, das vor der Wahl in Sachsen-Anhalt vorab gestreut wurde. Verifikationsweg: am Wahlabend AfD-nahe Facebook-Seiten und Telegram-Kanäle auf Betrugsbehauptungen durchsehen und Funde für die eigene Dokumentation sichern.
Die Grünen (5 Prozent) und das BSW (4 Prozent) liegen an der Fünfprozenthürde. Streit über Nachzählungen einzelner Stimmbezirke ist daher wahrscheinlich. Grundlage: die Umfragewerte in den Belegen. Verifikationsweg: Mitteilungen der Landeswahlleitung ab Montag.
Wächst der Landtag wie 2021 durch Überhang- und Ausgleichsmandate über 71 Sitze hinaus, lässt sich das leicht als „mehr Sitze als vorgesehen" skandalisieren. Grundlage: das Wahlsystem und der belegte Fall 2021 mit 79 Mitgliedern. Verifikationsweg: die amtliche Sitzverteilung nach dem vorläufigen Ergebnis.
Betrugserzählungen zur MV-Wahl sind aus zwei Richtungen zu erwarten. Die Matrjoschka-Fälschungen unterstellen SPD und CDU Manipulation, das „Schredder-Video" unterstellte Manipulation zulasten der AfD. Grundlage: die beiden belegten Fälle oben. Verifikationsweg: am Wahlabend beide Richtungen gleichermaßen beobachten.
🔵 Deutung
Eine mögliche Lesart: Echte Pannen (Doppelversand), widerlegte Einzelvorwürfe und gefälschte Videos werden vorab zu einer Erzählung verbunden, nach der nur ein bestimmtes Ergebnis legitim wäre. Wirksamer als jede Fälschung einzeln zu widerlegen ist es dann, den Ablauf zu erklären: Prognose, Hochrechnung, vorläufiges und amtliches Endergebnis, öffentliche Auszählung und die Sicherungen bei der Briefwahl.
Eine zweite Lesart betrifft die Kampagne selbst. Der Forscher Darren Linvill sieht in Medienberichten den Erfolgsmaßstab von Matrjoschka; die Urheber schreiben Redaktionen und Faktenchecker sogar selbst an und bitten um Prüfung ihrer eigenen Fälschungen. CORRECTIV beschreibt daraus ein Dilemma für Medien: aufklären, ohne den Fakes neues Gewicht zu geben. Folgt man dem, sollte ein Prebunking-Text die Methode erklären, die einzelnen Fälschungen aber knapp halten und nicht verlinken.
Was die Quelle nicht hergibt
Wem die Fälschungen nützen könnten, belegt nicht, wer sie in Auftrag gegeben hat. NewsGuard wertet die Aktion als Versuch, der AfD zu nützen. Mimikama hält dazu ausdrücklich fest, dass eine Beteiligung oder Kenntnis einer deutschen Partei nicht belegt ist. Die Zuordnung zu Russland stammt von Sicherheitsbehörden und Fachleuten; Mimikama schreibt selbst, das nicht eigenständig prüfen zu können.
Einen belegten Manipulationsfall für Mecklenburg-Vorpommern habe ich nicht gefunden, aber auch keine eigene Faktenseite der dortigen Landeswahlleitung gegen Falschinformationen. Wie hoch der Briefwahlanteil 2026 ist, ist noch nicht bekannt. Den Wortlaut der LKWO M-V habe ich nicht eingesehen; die Paragrafenangaben folgen der Landeswahlleitung. Die Umfragen weichen voneinander ab, teils im Rahmen ihrer Fehlerbereiche, teils wegen unterschiedlicher Erhebungszeiträume. Einen Hinweis auf Manipulation geben diese Abweichungen nicht her.
Normen und Stand
§ 107a StGB (Wahlfälschung): Wer unbefugt wählt, ein unrichtiges Wahlergebnis herbeiführt oder es verfälscht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; der Versuch ist strafbar.
§ 20 Abs. 5 LKWO M-V (Ausgabe neuer Briefwahlunterlagen) und § 21 Abs. 2 LKWO M-V (Ungültigkeit der alten Unterlagen, Ausschluss der Doppelstimme) – nach Angaben der Landeswahlleitung.
Stand der Recherche: 19.09.2026, abends.
28 Quellen
- Landeswahlleiter MV Landtagswahl 2026 mit FAQ Behörde
- Landeswahlleiter MV Landtagswahl 2021 Kurzüberblick Behörde
- bpb Fakten zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2026 Behörde
- Landkreis Vorpommern-Rügen zur Landtagswahl am 20. September 2026 Behörde
- Landtag Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahl 2026 Behörde
- Landtag Mecklenburg-Vorpommern Handbuch 8. Wahlperiode, 3. Auflage Dokument
- Landtag MV Beschlussprotokoll 2. Sitzung 8. Wahlperiode Dokument
- Forschungsgruppe Wahlen PB-Extra Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Primärquelle
- ZDF-Presseportal Politbarometer Extra September I Primärquelle
- infratest dimap Mecklenburg-VorpommernTREND September II 2026 Primärquelle
- DAWUM Forsa-Umfrage Mecklenburg-Vorpommern vom 02.09.2026 Dokument
- DAWUM Forsa-Umfrage Mecklenburg-Vorpommern vom 19.02.2026 Dokument
- Nordkurier Wahlumfrage sieht AfD in MV bei 37 Prozent Presse
- t-online MV-Wahl 2026 Wahlumfrage zeigt Trend Presse
- t-online Diese Regeln gelten im Wahllokal Presse
- Nordkurier Briefwahl als Schmuddelecke Presse
- NewsGuard Reality Check Russia Boosts the German Far Right Again Primärquelle
- Mimikama Kürzere Haft für SPD-Stimmen, das Video ist gefälscht Presse
- Bundesamt für Verfassungsschutz Deutschland erneut im Visier ausländischer Einflussnahme Behörde
- CORRECTIV Einflussnahme auf Landtagswahlen, diese russischen Bots erreichen fast niemanden Presse
- CORRECTIV Video zeigt kein Schreddern von AfD-Stimmen Presse
- WEB.DE Faktencheck Geschredderte AfD-Stimmen im Video gefälscht Presse
- CORRECTIV So wird die Briefwahl vor Manipulation geschützt Presse
- WEB.DE Panne in Halle, 1.184 Briefwahlunterlagen doppelt verschickt Presse
- Mimikama Angeblicher Wahlbetrug steht schon vorher fest Presse
- ZDFheute Kein Briefwahlbetrug im Seniorenheim Presse
- Euronews Vorläufiges Endergebnis Sachsen-Anhalt Presse
- Gesetze im Internet StGB 107a Wahlfälschung Behörde